Masterplan zur Debatte
Die Stadt Dessau-Roßlau hat einen Masterplan erarbeitet, der Szenarien für die Kultur in der Stadt aufzeigen soll. Die Initiative „Land braucht Stadt“ begrüßt grundsätzlich Bemühungen dieser Art, hält indes eine öffentliche Debatte über die Zukunft der Kultur für unabdingbar – unter Einbeziehung auswärtiger Fachleute.
Nach den Aufregungen um die zu Jahresbeginn bekannt gewordenen drastischen Sparvorhaben im Bereich Kultur begrüßt die Initiative „Land braucht Stadt – Ja zu Dessau-Roßlau“, dass nunmehr ein „Masterplan Kultur“ vorgelegt wurde. Allerdings wirft das Papier aus Sicht der Initiative etliche Fragen auf, weicht den wirklichen Problemen aus und berücksichtigt in keiner Weise die zur IBA-Ausstellung 2010 ausgerufene Vision des „Weniger ist Mehr“.
Was der Masterplan Kultur leisten sollte und müsste, ist ein konstruktiver Beitrag in der Debatte um die Zukunft der Stadt. Dass es die Debatte befördern will, daran lässt das Papier keinen Zweifel: „Sicher werden bei einzelnen Vorschlägen auch heftige Diskussionen zu erwarten sein. Auch dies ist gewollt.“ Ob es allerdings konstruktiv ist oder ob es die Grundlage für eine zielführende Debatte sein kann – daran bestehen nicht nur aus unserer Sicht erhebliche Zweifel.
So wurde schon auf Ebene der Bestandsaufnahme und der Analyse der „Masterplan Kultur“ um Stellungnahmen mehrerer Dezernate aus der Verwaltung ergänzt, die von Detail- bis zur Fundamentalkritik reichen. Die Frage stellt sich also: worüber soll der Stadtrat überhaupt befinden? Über ein Konzept, das offensichtlich auf wenig Unterstützung in der Verwaltung trifft? Oder über ein Konzept, das hochrangigen Kulturakteuren einen neuen Platz zuweist, ohne sich im Vorfeld mit ihnen abzustimmen?
Denn verschiedene – zum Teil durchaus diskussionswürdige – Vorschläge scheinen mit wichtigen Partnern wie dem Bauhaus oder der Kurt-Weill-Gesellschaft entweder nicht besprochen worden zu sein oder die Ergebnisse dieser Gespräche finden sich im Konzept nicht wieder. Dies zeugt nicht gerade von einer neuen Kultur der Debatte in Dessau-Roßlau. Leider.
Befremdlich wirkt zudem, dass bei einem Masterplan Kultur der Tourismus weitgehend ausgeblendet bleibt und statt dessen um Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung gerangelt wird. Der Masterplan ignoriert kommerzielle Kulturanbieter ebenso, wie er Themen wie Nischenkultur, Soziokultur, kulturelle Bildung oder mögliche negative Folgen vorgeschlagener Veränderungen sowie eine realistische Einschätzung ihrer Umsetzungschancen unberücksichtigt läßt.
Allerdings ist der Beitrag des „Masterplans Kulur“ zur Haushaltskonsolidierung bemerkenswert: So werden Finanzierungswege offeriert, um Kosten für die Kommmune zu senken – aber um den Preis, dass dafür nötige Investitionen und Kosten für beispielsweise den Wiederaufbau des Kristallpalastes oder den Umbau der Schade-Brauerei überhaupt nicht beziffert werden. Über Bedarfe und Qualitäten – und über diese wäre zuerst zu sprechen – wird an dieser Stelle des Papiers kein Wort verloren. Stattdessen suggeriert das Papier, ohne Einschnitte auszukommen, indem es die wirklichen Kosten dafür unterschlägt: Eine öffentliche Debatte wird auf diese Weise eher verhindert als befördert.
Diese sollte indes unbedingt geführt werden, denn wie lähmend sich allein bloße Spardrohungen auswirken, zeigt plastisch das Beispiel der gescheiterten Dessauern-Initiative: Maßgebliche Akteure haben sich aus der öffentlichen Debatte nahezu vollständig verabschiedet. Und auch die gerade in diesen Tagen bekannt gewordene Tatsache, dass seitens des Landesverwaltungsamtes der Stadt zusätzliche und bislang fiktive Spielräume beim Haushalt zugebilligt werden sollen – an der Situation ändert sich nichts. So verständlich das Wegducken ist: Das Risiko, am Ende fremdbestimmt oder Opfer sehr schnell getroffener Entscheidungen zu werden, wächst dadurch.
Deshalb regt die Initiative „Land braucht Stadt“ eine öffentliche Diskussion unter maßgeblicher Teilnahme auswärtiger, nicht unmittelbar betroffener Fachleute über die Zukunft der Kultur in Dessau-Roßlau an. Ohne öffentliches Streitgespräch, das auf einen von Bürgerschaft und Akteuren getragenen Masterplan zielt, wird die Stadt über keine zukunftsfähige Kulturlandschaft mehr verfügen und weiterhin an Lebensqualität und Attraktivität verlieren.
Land braucht Stadt